Was würdest du tun, wenn du ein Künstler wärst? Oder ein Rockstar? Wäre dein Leben dann anders? Und wenn ja, wie? Diese Frage stellt sich wohl jeder und bleibt am Ende meist mit der Erkenntnis zurück, dass man nun einmal nicht aus seiner Haut kann. Wie schön wäre es da, zumindest zeitweise ein anderes Leben zu leben, eine neue Existenz zu übernehmen und das tun, was wir in unserer Welt nie wagen würden oder aus anderen Gründen einfach nicht können. Diese Sehnsucht zumindest virtuell zu stillen, schickte sich Entwicklerlegende Will Wright im Jahre 2000 mit dem Erfolgstitel „Die Sims“ an und erschuf nicht zuletzt dank vieler Folgetitel die gewinnträchtigste Spielserie. Doch trotz allen Erfolgs konnten die Entwickler beileibe nicht jeden Wunsch erfüllen. Dafür sorgten allein schon die technischen Unzulänglichkeiten damaliger Computer. Nun bringt Publisher Electronic Arts mit „Die Sims 3“ einen weiteren Nachfolger und verspricht dabei wesentlich mehr, als nur eine optische Runderneuerung. Charaktersache Die Sims 3 Es ist nicht leicht, sich in Sunset Valley, der einzigen Stadt in der neuen Simswelt, zurechtzufinden. Nicht nur, dass unser Schützling dringend einen Job braucht und nach Anschluss sucht, vielmehr sind es seine Launen und Stimmungsschwankungen, die ihm, seiner Umwelt und natürlich auch mir zu schaffen machen. Nicht genug damit, dass sein sehnlichster Wunsch ein Rockstar zu werden noch in weiter Ferne scheint, so macht der Dauerregen meinen virtuellen Ego zunehmend depressiv. „Du warst doch früher nicht so zickig!“, rufe ich ihm verwundert zu. Aber mit solchen Launen werde ich wohl in Zukunft leben müssen. Schuld daran haben die neuen vielfältigen Charaktereigenschaften, welche sich nicht nur auf das Lebensziel auswirken, sondern für vielfältige Stimmungsschwankungen sorgen. Je nach Alter können wir jedem Sim bis zu fünf dieser Merkmale verpassen und daraus resultierend wiederum aus fünf Lebenswünschen wählen. Diese Kombination ergibt in Abhängigkeit vom Äußeren des Sims eine einzigartige Persönlichkeit, die sehr individuell auf die Umwelt reagiert. Soll der Sim gut oder böse, ein Draufgänger oder Feigling, sauber oder schlampig oder gar beziehungsunfähig sein? All diese zugegeben plakativen Eigenschaften sind nur eine grobe Auswahl. Hinzu kommen Feinheiten des Editors, welche auch optisch eine einzigartige Persönlichkeit ermöglichen. Selbst die Haare lassen sich jetzt von den Spitzen über die Wurzeln bis zu den Strähnen individuell einfärben. Von den Möglichkeiten im Modebereich gar nicht zu sprechen. Das Interessante dabei ist, dass selbst optisch identische Sims mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften schnell auch äußerlich verschiedene Richtungen einschlagen. Das macht die Sims authentisch und ermöglicht eine bisher unerreichte Tiefe der Identifikation. Die Sims 3 im Video – Test Wie basteln wir uns einen Sim? Was erlebt unser angehender Rockstar? Das könnt ihr in unserem exklusiven Video-Bericht mit eigenen Augen erfahren. Man beachte: Die teils sehr auffälligen Framerate-Einbrüche sind u.a. auf die nicht optimale Performance von Die Sims 3 zurückzuführen. Downloaden könnt ihr euch das Video in HD-Aufösung (MP4-Format; benötigt Quicktime) unter diesem Link. Entdecke die Möglichkeiten Die Sims 3 Natürlich beschränken sich die vielen neuen Optionen nicht auf unseren Sim allein. So dürfen wir jetzt alle Objekte in 45 Grad Winkeln beliebig postieren, was die Optik deutlich auflockert. Ebenso finden aber auch Garten- und Modedesigner ein schier unerschöpfliches Betätigungsfeld, da so gut wie alles moduliert, texturiert und in seiner Struktur beliebig verändert werden kann. Sicherlich wichtigste Neuerung ist allerdings die offene Spielewelt. Verlässt unser Sim sein Zuhause, um zur Arbeit zu gehen, können wir ihm folgen. Allerdings müssen wir dann letztlich doch vor der Tür bleiben. denn weder der Buchladen, noch das Museum, geschweige denn der Arbeitsplatz öffnet für uns die Pforten. Allein im Fitnessstudio können wir unserem Sportler beim Schwitzen zusehen und in der Bibliothek bei der Buchauswahl beiwohnen. Das ist bedauerlich, zumal diese Einschränkung sicherlich keinen technischen Grund hat. Doch trotz aller Neuerungen und Erweiterungen bleibt „Die Sims 3“ natürlich dem bewährten Spielprinzip treu. Führe deinen Schützling durch sein Leben, hilf ihm dabei, seinen Wunschjob zu finden, eine Familie zu gründen oder ganz einfach sich selbst zu verwirklichen. So weit, so gut. Überraschend ist aber, wie eigenwillig unser Freund dabei agiert. Nicht nur, dass er oftmals unsere Vorgaben ignoriert und seine eigenen Wege geht, er ändert auch sehr oft seine Meinung, findet neue Ziele wie dem Verbessern des eigenen Charismas und verlangt von uns lauthals entsprechende Unterstützung. Diese können wir ihm durch Kurse und Bücher zukommen lassen. Zudem bringen einmalige Gelegenheiten wie ein Kochwettbewerb unser Leben in Wallung und unseren Punktestand nach oben. Denn die Erfüllung spontaner Wünsche und das Streben nach dem Lebensziel bescheren uns neben einem zufriedenen Sim Glückspunkte. Diese lassen sich wiederum gegen weitere Gegenstände wie einen besonders schönen Fernseher oder schicke Kleidung eintauschen. Wem das zu profan ist, der kann dafür seinen virtuellen Freund auch mit neuen Fähigkeiten ausstatten. Beispielsweise verhilft eine Stahlblase zu wesentlich längeren Intervallen zwischen den Toilettengängen. Eine prima Idee! Vererbungslehre Die Sims 3 „Mitgehangen - Mitgefangen“ gilt leider auch für unsere Sims, denn sie durchleben wie wir einen Alterungsprozess vom Kleinkind bis zum Greis und schließlich zum Tode. Natürlich geht das wesentlich schneller vonstatten und so umfasst die Kleinkindphase ganze 7 Tage, während der Erwachsene immerhin 21 Tage in diesem Stadium verbringen darf. Wer den Übergang zur nächsten Lebensphase allerdings nicht abwarten will, kann der Entwicklung mit dem Kauf eines Geburtstagskuchens nachhelfen. Entscheidend hierbei ist, dass ein Kleinkind mit reduzierten Merkmalen auskommen muss, während erst der junge Erwachsene alle Wesensarten zur Verfügung hat. Zu diesen oben bereits erwähnten Eigenheiten gesellen sich noch weitere Vorlieben wie Leibgerichte, der Lieblingsmusikrichtung und der Lieblingsfarbe. Obwohl diese Zusätze nicht spielentscheidend sind, so können sie doch ein erhebliches Glücksgefühl in unserem Sim hervorrufen. Wer eine Familie gründet, darf die Gene des Paares an den Nachwuchs weiter reichen. Aber Achtung: Sind die Eltern von Natur aus schlampig und jähzornig, wird der Sohnemann garantiert kein Unschuldslamm. Es sei denn, ein Nachbar hat…aber das ist eine andere Geschichte. Apropos: Die Geschichte eines Sims ist nicht zwangsläufig nach dem Ableben zu Ende. So kann es durchaus passieren, dass vernachlässigte oder verärgerte Tode als Geister ihr Unwesen treiben. Da hilft nur noch der Geisterjäger. Und wer es nicht glaubt, dem sei ein Besuch im Mausoleum auf dem ortseigenen Friedhof empfohlen. Ein garantiert haarsträubendes Erlebnis! Kleinstadtidylle Die Sims 3 Sunset Valley ist zwar eine Kleinstadt, verfügt aber immerhin über ein eigenes Stadion, einen Flughafen, Büchereien und Krankenhäuser sowie einem wunderschönen Strand. Und wie es sich für so einen Ort gehört, leben hier einige interessante und sehr gegensätzliche Familien wie beispielsweise der Familie Wainwright. Einer technikverliebten Sippe, deren Tochter bereits im zarten Babyalter vornehmlich mit technischen Geräten rumhantierte. Im krassen Gegensatz dazu bewohnt Familie Alto eine luxuriöse Villa und frönt, dank skrupelloser Geschäfte, dem Reichtum. Familien wie diese finden wir in reichlicher Auswahl und sie alle dürfen von uns jederzeit übernommen werden. Ihnen eigen ist dabei, dass jede Familie mit ihren Problemen den Spieler mehr oder weniger fordern und für einen von sechs Schwierigkeitsgraden stehen. Aber auch sonst wirkt die Stadt lebendig und folgt zudem glaubwürdig dem Puls des Tages. Während tagsüber unsere Sims ihrer Arbeit nachgehen, wird es nachts ruhig. Allein in den Restaurants und Bars tobt das Leben. Ja, Sunset Valley ist eine Stadt, in der wir uns nur all zu gerne bewegen. Bereits die sehr schönen und völlig verschiedenen Häuser, die hübsche Landschaft und die blitzblanken Straßen, dazu die glutrote Abendsonne über dem Meer und die verträumten Parks erwecken in uns Erinnerungen an „Edward mit den Scherenhänden“. Und damit sich ein Stadtbummel auch lohnt, warten an den entlegensten Plätzen Schmetterlinge, Metalle, Meteroiten und Edelsteine auf uns. Sie verschönern nicht nur unser Zuhause, sondern bringen auch eine ordentliche Stange Geld. Ohne wenn und aber? Die Sims 3 Electronic Arts baut auf den Erfahrungen von „Spore“ auf und bindet mit einem sehr gelungenen Online-Angebot die Spieler in eine weltumspannende Community ein, sofern sie es denn wollen. Denn eine Internetverbindung ist schon zur Registrierung nicht zwingend erforderlich. Stattdessen genügt die Eingabe eines Registrierungsschlüssels, womit EA gegenüber der jüngsten Registrierungszumutung einen Schritt zurück macht. Ob der Grund nun die weniger technisch versierten Käufer der Sims sind oder tatsächlich eine Erkenntnis über die Sinnlosigkeit vergangener Praktiken ist, sei einmal dahin gestellt. Ich bin einfach nur dankbar für diesen kundenfreundlichen Schritt und hoffe, dass aus der Ausnahme wieder eine Regel wird. Wer hingegen das Onlineangebot annehmen möchte, findet über den Browser und dem internen Launcher eine Möglichkeit, kostenpflichtige wie kostenlose Inhalte zu sichten und in seine Welt mit einzubeziehen. Ebenso darf er selbst erstellte Inhalte wie Häuser der Gemeinschaft zur Verfügung stellen oder die mittels beigefügtem Editor erstellten Filme hochladen. Wem Sunset Valley zu eintönig wird, darf sich seine Stadt nach eigenen Vorlieben zusammenstellen und Gebäude beliebig verschieben. Das verspricht ein weiteres Betätigungsfeld und viel Raum für Individualität. Und da ich gerade am Loben bin, sei hier ausdrücklich auf die Macversion hingewiesen. Denn erstmals läuft diese trotz Cidertechnik problemlos und in nahezu identischer Geschwindigkeit zur Windows-Variante. Großes Kompliment! So bin ich fast wunschlos glücklich und könnte den Test eigentlich mit einer glatten 100%-Wertung abschließen. Aber eben nur fast. Denn einige Schattenseiten bietet „Die Sims 3“ dann doch. So stößt beispielsweise die schwache Performance sauer auf. Ebenso ist es nicht verständlich, warum wir in bestimmte Gebäude nicht einsehen können. Besonders die Abenteuer im Mausoleum des Friedhofs verkommen hier zum „Textadventure“ und hinterlassen einen faden Beigeschmack. Auch musste ich mich über die etwas spärliche Auswahl der Frisuren wundern. Da ist also noch Luft nach oben. Fazit Die Sims 3 Also das muss man EA lassen. Der Publisher ließ nichts anbrennen und führt die Sims gekonnt in eine neue Generation. Da kann ich es auch verschmerzen, dass revolutionäre Neuerungen ausblieben und das Konzept langsam etwas durchhängt. Denn die Entwickler haben es nahezu perfekt verstanden, dem Spieler jeden erdenklichen Freiraum für Individualität und einem einzigartigen Spielerlebnis zu schenken. Wen das Spielkonzept nicht bereits ermüdet und wer auch nur einen Hauch von Interesse für EA´s Erfolgsserie hat, muss Sunset Valley auf jeden Fall einen Besuch abstatten.