Sennheiser ACCENTUM Clip im Test: Open-Ear-Ohrhörer im Clip-Format
Offene Ohrhörer galten lange als Kompromisslösung für alle, die beim Laufen ihre Umgebung hören wollten und dafür klangliche Abstriche in Kauf nahmen. Inzwischen ist daraus eine ernstzunehmende Kategorie geworden, in der praktisch jeder große Audiohersteller ein Modell im Programm hat; mit dem ACCENTUM Clip steigt nun auch Sennheiser ins Clip-Format ein. Wie gut der Spagat aus offenem Tragegefühl und anspruchsvollem Klang gelingt, zeigt der Alltag.
Sennheiser Accentum Clip In-Ear Bluetooth Kopfhörer TWSkabellos mit 9 h Laufzeit und IP54, Schwarz
Sennheiser ACCENTUM Clip
Design und Verarbeitung
Der ACCENTUM Clip klemmt sich um das Ohrläppchen, statt im Gehörgang zu sitzen. Der Treiberteil liegt dabei in der Ohrmuschel, das gegenüberliegende Ende hinter dem Ohrläppchen. Die beiden Gehäuseteile bestehen aus mattem Kunststoff und sind über einen flexiblen Silikonbügel miteinander verbunden. Über dem 12-Millimeter-Treiber liegt ein feines Lochgitter. Dabei bringt ein Ohrhörer knapp 7 Gramm auf die Waage. Mit rund 3 × 2 × 2 Zentimetern pro Seite bleibt der Clip erfreulich unauffällig am Ohr.
Die Spaltmaße sind gleichmäßig, nichts knarzt oder gibt bei Druck nach, die Bauteile sitzen ohne jedes Spiel, und scharfe Kanten suchen wir vergeblich. Die Oberflächen fühlen sich hochwertig an, und auch das Case wirkt mit sauber aufgebrachtem Sennheiser-Logo sehr wertig. Die Ohrhörer sind nach IP54 gegen Staub und Spritzwasser geschützt und damit auch für schweißtreibende Trainingseinheiten ausgelegt; das Ladecase ist davon ausgenommen. Angeboten wird der ACCENTUM Clip in Schwarz und Creme.
Lieferumfang und Case
Im Karton liegen neben den Ohrhörern das Ladecase und ein USB-C-Kabel – mehr braucht dieser Kopfhörer nicht, denn Silikonaufsätze in verschiedenen Größen entfallen bei der offenen Bauform prinzipbedingt. Das Case misst 6,5 × 4,5 × 3 Zentimeter, verschwindet damit problemlos in der Hosentasche und liefert laut Hersteller 3 zusätzliche Ladungen.
Praktisch ist es damit gut aufgestellt, ganz ausgereizt hat Sennheiser das Potenzial aber nicht. Uns fehlt eine Öse oder ein Bandanschluss, um das Case am Karabiner oder an der Sporttasche zu befestigen. Gerade beim Training draußen würde eine solche Befestigungsmöglichkeit das Case besser gegen Verlust sichern. Austauschbare Kontaktflächen oder unterschiedliche Größen gibt es ebenfalls nicht. Der Sitz lässt sich lediglich über die Position des Clips am Ohr anpassen.
Tragekomfort
Hier spielt der Clip seine größte Stärke aus. Der Bügel hält auch bei Bewegung sicher, ohne dass wir nachjustieren müssen, und weil nichts in den Gehörgang drückt, bleibt das typische Verschlussgefühl von In-Ears komplett aus. Nach 30 Minuten und deutlich darüber hinaus registrieren wir weder Druckstellen noch Wärmestau.
Bemerkenswert ist, wie schnell die Ohrhörer aus der Wahrnehmung verschwinden. Nach kurzer Eingewöhnung tragen wir sie, ohne noch an sie zu denken. Auch das Auf- und Absetzen geht nach den ersten Versuchen flüssig von der Hand, obwohl der Clip anfangs eine andere Handbewegung verlangt als ein klassischer Stöpsel. In Verbindung mit dem geringen Gewicht ergibt das einen sehr hohen Komfort.
Bedienung und App
Wir steuern den Kopfhörer über strukturierte Touch-Flächen an beiden Ohrhörern. Sennheiser verteilt die Funktionen dabei sinnvoll auf links und rechts. Ein kurzes Antippen startet und stoppt die Wiedergabe, nimmt Anrufe an oder schaltet während eines Gesprächs das Mikrofon stumm beziehungsweise wieder frei. Zweimaliges Tippen springt links zum vorherigen und rechts zum nächsten Titel; bei Telefonaten lässt sich damit ein Gespräch beenden oder ein eingehender Anruf abweisen. Langes Halten regelt links leiser und rechts lauter. Halten wir beide Seiten 3 Sekunden lang, wechseln die Ohrhörer in den Kopplungsmodus für weitere Geräte.
Das funktioniert zuverlässig, verlangt aber eine Eingewöhnungsphase, bis die Mehrfachbelegung wirklich sitzt. Wer den Clip länger nutzt, tippt irgendwann ohne nachzudenken. Deutlich schneller erschließt sich die App Smart Control Plus, die die Steuerung Schritt für Schritt erklärt und darüber hinaus einiges zu bieten hat: erweiterte Klang- und Verbindungseinstellungen samt Equalizer, eine Suchhilfe für verlegte Ohrhörer und Firmware-Updates. Hinzu kommen ein Akkuschutzmodus, der die maximale Ladung begrenzt und so die Lebensdauer der Zellen schonen soll, sowie „Robust Connection“. Dabei verzichtet der Clip zugunsten einer längeren Wiedergabezeit auf LDAC. Die App läuft stabil und ist logisch aufgebaut, sodass auch Einsteiger sofort zurechtkommen.
Verbindung und Akku
Der ACCENTUM Clip funkt per Bluetooth 6.0. Multipoint ist ab Werk deaktiviert und lässt sich in Smart Control Plus einschalten. Danach kann der Ohrhörer beispielsweise gleichzeitig mit Smartphone und Notebook verbunden bleiben. Im Test bleibt die Verbindung durchgehend stabil: Wir registrieren keine Aussetzer, kein Stottern, keine Abbrüche. Die Reichweite bewegt sich auf gutem Niveau, ohne Spitzenwerte zu erreichen. Durch mehrere Wände hindurch wird es erwartungsgemäß dünn, im üblichen Radius gibt es dagegen nichts zu bemängeln.
Beim Akku kommen wir im Praxistest bei mittlerer Lautstärke auf etwas mehr als 8 Stunden Wiedergabe. Damit liegt unser Ergebnis nur knapp unter den 9 Stunden, die Sennheiser pro Ladung nennt, und deckt sich nahezu mit der Herstellerangabe. Zusammen mit dem Case sollen laut Hersteller bis zu 36 Stunden möglich sein. Bereits nach 10 Minuten laden sind 2 Stunden Musikgenuss möglich.
Klang
Technisch ist der ACCENTUM Clip als Hi-Res Audio Wireless zertifiziert und unterstützt LDAC. Für einen offenen Ohrhörer liefert er ein erstaunlich geschlossenes Klangbild. Bei harten Links-Rechts-Wechseln bleibt die Ortung eindeutig, die Mitte kippt nicht weg, und die Übergänge laufen fließend statt phasig. Die Bühne wirkt breit und gestaffelt, Instrumente lassen sich klar im Raum verorten. Für einen offenen Ohrhörer fällt die räumliche Darstellung in unserem Test ausgesprochen überzeugend aus.
Der Bass bleibt dabei diszipliniert. Einzelne Schläge kommen sauber getrennt, nichts wummert nach, und selbst bei gehobener Lautstärke bleibt die Wiedergabe angenehm, ohne Mitten und Stimmen zuzudecken. Ein Dröhnen am Ohr stellt sich zu keinem Zeitpunkt ein, bassbetonte Tracks bringen den Clip nicht aus der Ruhe. Im Hochton bleibt die Abstimmung angenehm zurückhaltend: S-Laute klingen natürlich statt spitz, das Klangbild insgesamt eher warm und rund als analytisch-hell. Das macht lange Hörstrecken entspannt, kostet im direkten Vergleich mit sehr hell abgestimmten Modellen aber ein wenig Glitzern in den Obertönen.
Quer durch die Genres bestätigt sich dieser Eindruck. Hip-Hop kommt druckvoll und kontrolliert, Pop-Refrains bleiben aufgeräumt, elektronische Tracks behalten Kick und Kontur, und Rock-Gitarren tragen Energie ohne Härte. Auch ein Orchester bleibt in dichten Tutti-Passagen geordnet und stürzt in Dynamiksprüngen nicht in sich zusammen. Was das offene Prinzip naturgemäß nicht leisten kann, ist Abschottung: In lauter Umgebung mischt sich die Umwelt ins Klangbild, und der Tiefbass verliert an Fundament. Sprache profitiert von der klaren Mittenwiedergabe besonders. Podcasts und Hörbücher klingen deutlich und natürlich, auch über längere Zeit ermüdet nichts.
Telefonie
Die 2 Mikrofone pro Seite mit KI-gestützter Störgeräuschreduzierung machen ihre Sache sehr gut. In ruhiger Umgebung kommt unsere Stimme klar und natürlich beim Gegenüber an, ohne dumpfe oder abgehackte Passagen. Auch bei Störgeräuschen im Hintergrund setzt sich die Sprache zuverlässig durch, während die Umgebung hörbar zurücktritt.
Der eigentliche Vorteil zeigt sich auf unserer Seite der Leitung: Weil die Ohren frei bleiben, hören wir uns selbst normal sprechen und bekommen gleichzeitig mit, was im Raum passiert. Wer viel telefoniert und dabei nicht akustisch abtauchen will, findet hier eine gute Lösung.
Fazit
Der Sennheiser ACCENTUM Clip beweist, dass offene Bauform und ernsthafter Klanganspruch zusammengehen. Die Verarbeitung ist sehr gut, der Tragekomfort dank 7 Gramm pro Seite und sicherem Bügel über Stunden hinweg erstklassig, und klanglich liefert der Clip eine breite Bühne, kontrollierten Bass und eine warme, ermüdungsfreie Abstimmung. Dazu kommen eine stabile Bluetooth-Verbindung, ein sehr ausdauernder Akku und eine App, die mehr kann als nur Firmware verteilen. Die Touch-Steuerung braucht ein paar Tage, bis sie sitzt, die Reichweite ist gut statt herausragend, dem Case fehlt eine Befestigungsmöglichkeit für Karabiner oder Schlaufe. Alles in allem liefert Sennheiser mit dem ACCENTUM Clip eine sehr überzeugende Leistung ab.
So testen wir Bluetooth-Kopfhörer
- +Sehr hochwertige Verarbeitung
- +Sehr hoher Tragekomfort
- +Breite überzeugende Klangbühne
- +Stabile Bluetooth-Verbindung
- +Ausdauernder Akku
- –Touch-Steuerung braucht Eingewöhnung
- –Reichweite ohne Spitzenwerte
- –Case ohne Befestigungsmöglichkeit
- –Keine anpassbaren Kontaktflächen