Rokid Glasses im Test: Augmented-Reality-Brille mit Echtzeit-Übersetzung und Freihand-Navigation
Eine Brille, die uns den Weg ins Sichtfeld einblendet, fremde Sprachen in Sekunden übersetzt und auf Zuruf antwortet. Die Rokid Glasses versprechen viele Erleichterungen für den Alltag. Doch hält die Augmented-Reality-Brille auch, was die Werbevideos zeigen? Mehrere Tage lang tragen wir die Brille im Büro und draußen auf der Straße und gehen der Frage nach: Ist das bereits die Smart-Brille, die ein Smartphone ersetzt beziehungsweise sinnvoll ergänzt oder erst der Vorgeschmack auf das, was noch kommt?
Design und Verarbeitung
Die Rokid Glasses kosten laut unverbindlicher Preisempfehlung (UVP) des Herstellers 699 Euro und liegen damit auf dem Niveau der Ray-Ban Meta und anderer AR-Brillen. Optisch sieht das Modell wie eine normale Brille aus, nur mit etwas kräftigerem Rahmen und breiteren Bügeln. Mit einem Gewicht von 49 Gramm ist die Brille trotzdem nicht besonders schwer.
Rokid Glasses
Beim Material setzt Rokid auf schwarzen Klavierlack, auf dem allerdings sehr schnell Fingerabdrücke sichtbar werden. Der verbaute Kunststoff gibt unter Druck nicht nach, und die einzelnen Bauteile sitzen sauber und präzise zusammen. Das Design gefällt uns gut: Mikrofone und Lautsprecher verschwinden dezent unter den Bügeln, sodass sie kaum auffallen. Offen liegen nur der Ladekontakt hinten rechts am Bügel und die Kamera auf der Vorderseite.
Tragekomfort
Beim Tragekomfort gibt es wenig zu bemängeln. Die 49 Gramm liegen kaum über dem Gewicht einer normalen Brille mit dickeren Korrekturgläsern, sodass wir uns schnell an das Tragegefühl gewöhnen. Selbst bei kräftigen Kopfbewegungen oder beim Sport rutscht die Brille nicht von der Nase, und über die drei Testtage sitzt sie zuverlässig und angenehm.
Praktisch ist, dass sich die Nasenpads tauschen lassen. Hinzu kommt, dass der Rahmen genug Spielraum bietet, um eigene Korrekturgläser vom Optiker einsetzen zu lassen. Für Brillenträgerinnen und Brillenträger ist das ein echter Pluspunkt, weil die Smart-Brille so nicht nur als Zweitgerät, sondern als vollwertige Sehhilfe dient.
Einrichtung, App und Bedienung
Im Karton liegen neben der Brille ein Etui, die Bedienungsanleitung, ein zweites Paar Nasenpads und ein Reinigungstuch. Ein Ladeetui gehört nicht zum Lieferumfang und ist nur als Zubehör erhältlich.
Die Einrichtung der Rokid Glasses ist einfach. Wir laden zunächst die App Hi Rokid – Rokid Glasses aus dem App Store und verbinden die Brille per WLAN und Bluetooth.
Das iPhone 16 Pro mit iOS 26.4 erkennt die Brille sofort, Verbindungsabbrüche bleiben aus. Größere Updates spielen wir über WLAN ein; im Alltag läuft danach fast alles über Bluetooth, und die Brille zieht ihre Daten vom Smartphone.
Die App zeigt uns die aufgenommenen Fotos, Videos und Chats. Darüber hinaus können wir hier auch die Display-Helligkeit und Lautstärke einstellen und finden im Grunde alles, was wir brauchen.
Ausbaufähig ist die direkte Bedienung über die Touchflächen an den Bügeln. Mit einem Wischen nach vorn oder hinten regeln wir die Lautstärke oder rufen den Sprachassistenten auf. Im Prinzip funktioniert das, doch gerade die Lautstärkeregelung reagiert oft hakelig oder gar nicht und braucht mehrere Anläufe. Auch die Sprachsteuerung wirkt umständlich, denn frei sprechen können wir mit der Brille nicht: Vor jedem neuen Befehl müssen wir sie erst mit dem festen Ausdruck „Hey Rokid“ aktivieren.
Display und Augmented-Reality-Erlebnis
Für die Anzeige nutzen die Rokid Glasses ein Micro-LED-Display in den Gläsern mit einem Sichtfeld von 30 Grad und einer maximalen Helligkeit von 1500 Nits (Candela pro Quadratmeter). In Innenräumen können wir Texte, Symbole und Hinweise scharf und klar ablesen, und die Anzeige ermüdet auch über längere Zeit unsere Augen nicht. Bei hellem Umgebungslicht draußen erkennen wir die Inhalte ebenfalls noch gut, gegenüber dem Innenraum stößt die Anzeige hier aber an leichte Grenzen.
Das Display selbst arbeitet ordentlich, zeigt Inhalte allerdings nur in Grün. Ein farbiges Bild gibt es nicht, was auf uns etwas altbacken wirkt. Dazu kommen zwei Punkte, die uns im Alltag stören: Zum einen wandert die Anzeige bei größeren Kopf- oder Augenbewegungen schon einmal aus dem Sichtfeld und wirkt dann unruhig. Zum anderen sitzt das Bild nach dem Aufsetzen manchmal nicht auf Augenhöhe, sondern etwas zu tief, sodass wir bewusst nach unten schauen müssen. Das Sichtfeld der Augmented-Reality-Funktionen reicht für die wichtigsten Anwendungen dennoch aus.
Kamera, Aufnahmen, Speicher und Medienübertragung
Die Kamera löst mit 12 Megapixeln auf, nimmt Fotos mit 3024 mal 4032 Bildpunkten auf und setzt auf einen Sony-IMX681-Sensor. Einen Autofokus gibt es nicht. Sobald wir aufnehmen, zeigt das eine Leuchtdiode deutlich nach außen an. Das schafft Transparenz. Ein zusätzliches akustisches Signal, das auch das Gegenüber rein über das Gehör auf die Aufnahme hinweist, würden wir uns aber wünschen.
Foto- und Videoqualität bewegen sich auf einem durchschnittlichen Niveau. Gestochen scharf oder völlig ruckelfrei sind die Aufnahmen nicht, für den Alltag eignen sie sich aber gut, und die First-Person-Perspektive – also der Blick aus den eigenen Augen – gibt anschaulich wieder, was wir gerade sehen. Für den täglichen Gebrauch ist das mehr als ausreichend.
Audio, Mikrofone und Kommunikation
Für den Ton sorgen zwei Lautsprecher in Open-Ear-Bauweise, die den Gehörgang frei lassen, sowie vier gerichtete Mikrofone. In der Theorie können wir darüber Musik abspielen, in der Praxis unterstützt die Brille diese Funktion aber noch nicht.
Bei der Kommunikation läuft es deutlich besser. In unseren Testtelefonaten versteht uns das Gegenüber gut, und die Mikrofone filtern Hintergrundgeräusche zuverlässig heraus. Positiv fällt zudem auf, dass der Ton kaum nach außen dringt: Umstehende hören nicht mit, was bei uns über die Brille läuft. Im Büro, in der Bahn oder im Wartebereich ist das ein spürbarer Vorteil gegenüber vielen offenen Lautsprecherlösungen.
Auch Besprechungen nimmt die Brille ordentlich auf. An ein dediziertes Aufnahmemikrofon reicht das Ergebnis nicht heran, weshalb wir die Mitschriften nacharbeiten müssen. Für kurze Telefonate und Meetings reicht die Funktion im Alltag aber.
KI-Assistent, Übersetzung, Navigation und Produktivität
Am meisten begeistert uns im Test die Navigation. Ob zu Fuß oder auf dem Fahrrad – wir bekommen eine übersichtliche Kartenansicht direkt ins Sichtfeld, samt verbleibender Zeit bis zur Ankunft. Der Gewinn dabei: Wir richten den Blick auf die Straße und die Umgebung, statt wie beim Smartphone ständig nach unten zu schauen. Überzeugend ist auch der Teleprompter-Modus, mit dem wir während einer Rede zuverlässig unseren Text ablesen.
Beim KI-Assistenten und bei der Übersetzung halten sich die Ergebnisse dagegen in Grenzen. Die Anbindung von Gemini und ChatGPT liefert zwar präzise Antworten, im Bedienfluss hakt es aber noch: Den Kontext vorheriger Fragen behält der Assistent nicht durchgehend, und KI-Anfragen stürzen gelegentlich ab. Die Antwort landet dann nur in der App und nicht im Display; hier hilft ein Neustart der Smartphone-App.
Die Übersetzung testen wir an Produktdatenblättern und Zeitungsartikeln. Für einfache Gespräche im Ausland ist sie sinnvoll, an einen Dolmetscher reicht sie aber nicht heran und ist für den professionellen Einsatz nicht gedacht. Die Meeting-Funktion hält die wesentlichen Punkte fest, im Detail sollten Käuferinnen und Käufer jedoch nicht zu viel erwarten.
Akku, Verbindung, Datenschutz und Sicherheit
Der Akku ist mit 210 Milliamperestunden klein bemessen, und genau das ist das größte Praxisproblem der Rokid Glasses. Im gemischten Betrieb mit Navigation und Übersetzung hält die Brille bei durchgehender Nutzung nur rund 3 bis 4 Stunden durch. Für uns ist das zu wenig: Wir möchten morgens mit der Brille aus dem Haus gehen und sie erst abends wieder laden, doch über einen vollen Arbeitstag trägt der Akku nicht.
Beim Laden setzt Rokid allerdings auf einen proprietären Anschluss, bei dem wir uns das verbreitete USB-C wünschen. Für unterwegs wäre außerdem ein Ladeetui naheliegend, das jedoch nicht zum Lieferumfang gehört und als Zubehör rund 100 Euro kostet. Das trübt unseren Gesamteindruck etwas.
Die Rokid Glasses sind nach IPX4 zertifiziert und damit gegen Spritzwasser aus allen Richtungen geschützt, womit Regen und Schweiß im Alltag abgedeckt sind. Für Schwimmen oder Wassersport eignet sich die Brille dagegen nicht.
Beim Datenschutz lohnt ein genauerer Blick. Grundfunktionen wie Menüführung, einfache Bedienschritte und Sprachbefehle für Lautstärke, Helligkeit sowie Foto- und Videoaufnahmen laufen lokal über die Brille oder das gekoppelte Smartphone. Auch einfache Offline-Übersetzungen stehen für ausgewählte Sprachen direkt in der Hi-Rokid-App bereit.
Sobald wir erweiterte KI-Funktionen, die Internetsuche, die Echtzeitübersetzung oder die Assistenten von ChatGPT und Gemini nutzen, kommt die Cloud ins Spiel. Dann wandern gesprochene Befehle, Fotos zur Analyse und die daraus erzeugten Transkripte an externe Dienste. Foto- und Videoaufnahmen liegen zwar zunächst lokal auf dem gekoppelten Gerät oder im Speicher der Brille, KI-Verläufe und Transkripte verarbeiten die Anbieter je nach Dienst aber zeitweise auf ihren Servern. In der App widerrufen wir Berechtigungen, löschen Dateien und bereinigen Verläufe; für sensible Einsatzbereiche bleibt die starke Cloud-Abhängigkeit dennoch ein Kritikpunkt.
Fazit
Können die Rokid Glasses nun ein Smartphone ersetzen? Noch nicht ganz. Sie sind eher ein überzeugender Vorgeschmack auf das Potenzial dieser Produkte. Die Stärken der Brille sind die robuste Verarbeitung, der angenehm leichte Sitz und die Navigation, die uns die Route direkt ins Sichtfeld einblendet, sodass der Blick auf der Straße bleibt. Auch der Teleprompter und Aufnahmen aus der eigenen Perspektive funktionieren im Test sehr gut, und die Option, eigene Korrekturgläser einsetzen zu lassen, macht das Modell für alle interessant, die eine Sehhilfe brauchen.
Es gibt aber auch Schwächen: Musik über die Lautsprecher abzuspielen klappt nicht, der KI-Assistent arbeitet nicht durchgehend zuverlässig, und die knappe Akkulaufzeit deckt keinen vollen Tag ab. Dazu kommen der nur spritzwassergeschützte Aufbau und kleinere Softwarehänger.
Damit passt die Brille vor allem zu Menschen, die unterwegs sicher navigieren, Reden ablesen oder spontan Fotos und Videos aus der First-Person-Perspektive aufnehmen wollen. Wer ein vollwertiges Profigerät für den Dauereinsatz, eine fehlerfreie Übersetzung oder mobilen Musikgenuss sucht, stößt heute noch an Grenzen.
- +Saubere Verarbeitung
- +Angenehmer Sitz
- +Gute Navigation
- +Starker Teleprompter
- +Alltagstaugliche Aufnahmen
- +Korrekturgläser möglich
- –Knappe Akkulaufzeit
- –Kein Ladeetui inklusive
- –Kein USB-C
- –Musikwiedergabe fehlt
- –KI hakt gelegentlich
- –Nur grünes Display
- –Touchflächen hakelig
- –Cloud-Abhängigkeit
- –Nur IPX4