LIEBERGE Buntstifte in Profi-Nylon-Etui | 72 Farben: viel Leistung auf dem Papier, Schwächen im Spitzer
72 Farben in einem Etui klingen nach grenzenlosen Möglichkeiten, und genau damit werben inzwischen zahlreiche Anbieter von Buntstift-Sets für Erwachsene. Über die Qualität sagt die Zahl allein allerdings wenig aus – entscheidend ist, was die Mine aushält, sobald sie in den Spitzer wandert. Mit dem Set „Buntstifte in Profi-Nylon-Etui | 72 Farben“ tritt LIEBERGE, ein 2019 gegründeter Anbieter für Künstlerbedarf, gegen deutlich ältere Namen aus dem Schreibwarenregal an. Wir haben die Stifte nach dem Standardverfahren unserer Redaktion durch alle Zeichenaufgaben geschickt.
LIEBERGE Buntstifte Set 72 FarbenHochpigmentierte Profi-Nylon-Etui mit bruchsicheren Minen
LIEBERGE Buntstifte in Profi-Nylon-Etui | 72 Farben
Ausstattung und Testaufbau
Das Set umfasst 72 holzgefasste Buntstifte, eine Anleitung und ein Nylon-Etui mit Einzelfächern und Reißverschluss. Die Stifte sind 175 Millimeter lang, messen 8 Millimeter im Durchmesser und haben einen glatten, runden Schaft mit matt lackierter Softtouch-Oberfläche; die Strichstärke gibt der Hersteller mit 1 Millimeter an. Komplett gefüllt wiegt das Etui 675 Gramm. Zur Minenart – ob wachs- oder ölbasiert – macht LIEBERGE keine Angabe. Zur Lichtbeständigkeit nennt der Hersteller lediglich eine allgemein formulierte hohe Beständigkeit für langlebige Werke; eine normierte Einstufung oder farbspezifische Werte fehlen. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 59,95 Euro, im Handel wechselt das Set je nach Anbieter zwischen rund 33 und 45 Euro den Besitzer.
Geprüft haben wir 12 repräsentative Testfarben quer durch die Palette, darunter Glutrot, Zinnoberrot, Kadmiumrot, Goldgelb, Pastellgelb, Erdbraun, Solidblau, Himmelblau, Tiefschwarz und Apfelgrün.
Verarbeitung und Ergonomie
In der Hand machen die Stifte einen guten Eindruck. Der runde Schaft mit 8 Millimetern Durchmesser liegt angenehm zwischen den Fingern, die Softtouch-Oberfläche rutscht nicht, und auch nach längeren Zeichenphasen bleibt der Griff komfortabel. Ebenso sauber gelöst ist die Kennzeichnung: Schaftfarbe und tatsächlicher Farbton stimmen bei allen geprüften Stiften sehr gut überein, was beim Herausgreifen des gewünschten Farbtons aus 72 gleich gestalteten Stiften erheblich Zeit spart.
Die Verarbeitung im Inneren fällt dagegen ab. Beim zweimaligen Anspitzen brechen die Minen reihenweise. Das kann auf bereits im Schaft beschädigte Minen oder einen unzureichenden Verbund zwischen Mine und Schaft hindeuten. Besonders auffällig ist Goldgelb: Hier müssen wir rund ein Viertel des Stifts wegspitzen, bis eine tragfähige Mine erscheint. Frontal betrachtet zeigen die angespitzten Enden entsprechend uneinheitliche Bilder mit unsauberen Bruchkanten. Die Materialqualität bewegt sich damit im ordentlichen Mittelfeld. Die Minenverarbeitung und die Sauberkeit der Stiftenden bilden den schwächsten Bereich des gesamten Tests. Lieberge ist sich des Problems bewusst und empfiehlt das Anspitzen mit einem Kunstmesser. Das ist aber sicherlich nicht für alle praktikabel.
Farbpalette und Etui
Die Palette überzeugt. Die Progression von hell nach dunkel ist innerhalb der Farbfamilien nachvollziehbar aufgebaut, Grundfarben, Erd- und Naturtöne sind ebenso vertreten wie Pastelle und kräftige Volltöne. Nur wenige Paare liegen sehr dicht beieinander, konkret Zinnoberrot und Kadmiumrot sowie Flaschengrün und Kadmiumgrün. Wer nach einem bestimmten Ton sucht, findet in aller Regel eine passende Abstufung – für ein Set dieser Preisklasse ein sehr gutes Ergebnis.
Auch das Nylon-Etui erfüllt seinen Zweck sehr gut. Jeder Stift hat ein eigenes Fach, die Sortierung bleibt beim Herausnehmen und Zurückstecken erhalten, das Material schützt beim Transport und lässt sich leicht reinigen. Die beiliegende Farbtafel hilft bei der Orientierung. Auf der Farbtafel selbst fehlen allerdings Angaben zu Techniken und konkrete Lichtbeständigkeitswerte; weiterführende Technikhinweise stellt LIEBERGE in seiner Buntstift-Anleitung bereit. Einzelne Farben bietet LIEBERGE nicht regulär im Shop an. Laut Hersteller können sie jedoch auf Anfrage einzeln nachgekauft werden. Ein Radiergummi oder ein Spitzer liegen nicht bei.
Anspitzen und Handhabung
Das Anspitzen ist wie bereits erwähnt ein Nachteil des Sets. Von 12 Vorgängen mit ein und demselben Handspitzer endet die Hälfte mit einer gebrochenen Mine, sodass wir nachspitzen, erneut ansetzen und im Fall von Goldgelb deutlich Substanz opfern müssen. Das kostet Zeit, Material und Nerven, vor allem beim ersten Einrichten des Sets, wenn alle Stifte einmal in Form gebracht werden wollen. Vom Herstellerversprechen der leicht anzuspitzenden, bruchstabilen Mine bleibt an dieser Stelle wenig übrig. Der Kraftaufwand selbst ist normal und die Holzabnahme sauber. Das spricht dafür, dass die Ursache vor allem bei der Mine beziehungsweise ihrem Verbund im Schaft liegt.
Ist der Stift einmal in Form, dreht sich das Bild. Die Mine gleitet weich über das Papier, kratzt nicht und gibt schon bei normalem Druck sichtbar Farbe ab, sodass wir nicht nachdrücken müssen. Feine Linien, Konturen und kleine Details gelingen gut, solange die Spitze frisch ist. Im 5-minütigen Flächentest mit Apfelgrün füllt sich das Feld zügig und gleichmäßig, ohne dass ein einziges Nachspitzen nötig wird – lediglich gegen Ende macht sich in der Hand eine leichte Ermüdung bemerkbar, was bei dieser Aufgabe normal ist. Papier, Hände und Tisch bleiben dabei weitgehend sauber, nennenswerte Brösel oder Schmierspuren treten nicht auf.
Zeichen- und Farbleistung
Auf dem Papier liefern die Stifte ihre stärkste Vorstellung. Die Farben decken bereits bei normalem Druck kräftig, besonders Zinnoberrot, Kadmiumrot und Solidblau setzen sich satt und leuchtend ab. Der Auftrag bleibt über helle, mittlere und dunkle Töne hinweg überwiegend gleichmäßig, kleinere Unterschiede zwischen einzelnen Farben fallen kaum ins Gewicht. Ein Ausreißer bleibt Pastellgelb, das selbst mit erhöhtem Druck deutlich transparenter aufträgt als die übrige Palette und sich damit eher zum Lasieren als zum Füllen eignet.
Bei den Zeichentechniken zeigt sich, wofür die weiche Mine gemacht ist. Helligkeitsverläufe lassen sich über den Anpressdruck sehr fein steuern: Von hauchzartem Ansatz bis zum kräftigen Vollton entstehen mehrere klar unterscheidbare Stufen ohne abrupte Sprünge. Auch das Schichten und Mischen funktioniert gut – in den Mischfeldern Gelb mit Blau sowie Rot mit Blau bleiben die Übergänge sauber, die Farben trüben nicht ein und das Papier nimmt auch nach mehreren Schichten noch weitere Farbe an. Auf schwarzem Tonpapier setzen sich helle und kräftige Töne ordentlich ab, wirken dort aber weniger leuchtend als auf weißem Papier.
Korrekturen gelingen ebenfalls gut. Nach 30 Sekunden verwischt eine aufgetragene Fläche unter dem Finger nur wenig, der Radiergummi nimmt Farbe kontrolliert zurück, und die aufgehellte Stelle lässt sich anschließend erneut überarbeiten, ohne dass die Papieroberfläche weitere Farbschichten schlecht annimmt. Die Spitze hält dabei länger, als die Bruchneigung beim Anspitzen befürchten lässt. Die Linien werden nur allmählich breiter.
Haltbarkeit und Ergiebigkeit
Beim Zeichnen selbst erweisen sich die Minen als deutlich robuster als im Spitzer. Über alle Aufgaben hinweg registrieren wir lediglich einen kleinen Minenausbruch bei bewusst starkem Druck sowie leichtes Bröseln; die Holzschäfte bleiben durchweg unbeschädigt. Auch die Ergiebigkeit stimmt: Der Flächentest über 5 Minuten läuft ohne Unterbrechung durch, eine brauchbare Spitze bleibt lange erhalten.
Fazit
Die LIEBERGE Buntstifte in Profi-Nylon-Etui liefern dort, wo gezeichnet wird, ein überzeugendes Ergebnis. Die 72 Farben sind sinnvoll abgestuft. Die getesteten Farbtöne decken überwiegend kräftig und gleichmäßig, lassen sich fein über den Druck abstufen und sauber übereinanderlegen; lediglich Pastellgelb fällt deutlich transparenter aus. Dazu kommen ein angenehmes Griffgefühl, eine verlässliche Farbkennzeichnung, ein praktisches Etui mit Einzelfächern und ein gutmütiges Verhalten bei Korrekturen. Für ein Set, das je nach Anbieter zwischen rund 33 und 45 Euro kostet, ist das eine starke Leistung.
Getrübt wird der Eindruck durch die Minen. Bei der Hälfte der 12 Anspitzvorgänge brechen sie ab, ein Stift verliert dabei rund ein Viertel seiner Länge. Beim Zeichnen selbst halten die Minen dagegen gut durch. Hinzu kommen fehlender Spitzer und Radiergummi sowie die fehlende reguläre Nachbestellmöglichkeit einzelner Farben.
Damit eignet sich das Set gut für Einsteigerinnen und Einsteiger, Hobbyzeichnende und alle, die eine breite Palette zum überschaubaren Preis suchen und den teils deutlichen Materialverlust beim Anspitzen verschmerzen. Unter dem Strich ein gutes Set mit einer klaren Schwachstelle.
- +Breite, sinnvoll abgestufte Farbpalette
- +Kräftige, gleichmäßige Farbabgabe
- +Sehr gute Druckabstufung
- +Sauberes Schichten und Mischen
- +Angenehmes Griffgefühl
- +Praktisches Nylon-Etui
- +Gute Korrekturmöglichkeiten
- +Gute Ergiebigkeit
- –Häufige Minenbrüche beim Anspitzen
- –Pastellgelb deutlich transparenter
- –Einzelfarben nicht regulär nachkaufbar