Huion Kamvas 22 (Gen 3) im Test: Großes Stift-Display mit kleinen Schwächen
Große Tablets mit Stift galten lange als Studioausstattung für Profis mit passendem Budget. Huion greift dieses Segment seit Jahren von unten an und hat im Frühjahr mit dem Kamvas 22 (Gen 3) nachgelegt, das sich ausdrücklich an Einsteiger wie an Profis richtet. Ob ein vergleichsweise günstiger 22-Zöller im täglichen Zeichnen und Schreiben mithält, klärt unser Praxistest.
Huion Kamvas 22 (Gen 3)
Design und Verarbeitung
Auf dem Schreibtisch beansprucht das Kamvas 22 (Gen 3) reichlich Fläche. Wir messen 52,6 × 32,3 Zentimeter, mit eingeklapptem Standfuß baut das Gehäuse an der höchsten Stelle 9,3 Zentimeter auf. Auf der Waage zeigt das Stift-Display 3,6 Kilogramm und trifft damit die Herstellerangabe exakt. Huion ruft dafür 699 Euro auf, beim Kauf über den europäischen Herstellershop liegen 2 Jahre Garantie bei.
Die Verarbeitung gefällt uns. Das Gehäuse wirkt hochwertig und sitzt fest zusammen. Unter moderatem Druck gibt es nicht nach. Weniger gelungen ist die Klappe vor den Anschlüssen: Sie geht schwer auf und noch schwerer wieder zu. Der Stift fällt gegenüber dem Gehäuse ab. Er ist ordentlich gearbeitet, setzt zugunsten des geringen Gewichts aber stark auf Kunststoff und liegt deshalb weniger edel in der Hand, als es der Rest des Geräts erwarten lässt.
Ausstattung
Das Panel misst 21,5 Zoll in der Diagonale und löst mit 2560 × 1440 Pixeln auf, die Bildwiederholrate liegt bei 90 Hertz. Unsere Messung der nutzbaren Arbeitsfläche ergibt 47,5 × 26,6 Zentimeter bei einer Diagonale von 54,5 Zentimetern. Der Bildschirm ist vollflächig laminiert, die entspiegelte Oberfläche nennt Huion Canvas Glass 2.0. Für die Farbwiedergabe gibt der Hersteller 99 Prozent sRGB, 99 Prozent Rec. 709, 90 Prozent Adobe RGB und 92 Prozent Display P3 bei einer Abweichung von unter 1,5 Delta E an, dazu 250 Nits Helligkeit.
Beim Stift setzt Huion auf die hauseigene Technik PenTech 4.0. Der PW600L kommt ohne Batterie und ohne Ladekabel aus, arbeitet mit einer Auflösung von 5080 Linien pro Zoll, unterscheidet 16.384 Druckstufen und erkennt Neigungen bis 60 Grad. Am Schaft sitzen 3 frei belegbare Seitentasten. Am Gehäuse sitzt dagegen außer dem Ein-Aus-Schalter keine einzige Taste, die Schnellzugriffe wandern in den Treiber. Eine Touch-Ebene bringt der Bildschirm ebenfalls nicht mit. Neu ist eine Ambientebeleuchtung an der Rückseite mit anpassbarer Lichtfarbe, die wir im Test nicht gesondert bewerten.
Das Bild nimmt das Gerät über HDMI oder USB-C entgegen, den Strom liefert ein externes Netzteil. Zum Lieferumfang gehören neben Display und Stift ein Stifthalter, eine ansteckbare Stiftaufnahme für das Gehäuse, ein Zweifingerhandschuh, ein Putztuch, ein HDMI-Kabel, ein USB-C-Kabel, ein Kabel von USB-A auf USB-C und das Netzteil. Laut Hersteller stecken außerdem 10 Ersatzspitzen im Stifthalter, dazu kommt ein Schraubendreher. Der vorinstallierte Standfuß deckt laut Hersteller einen Neigungsbereich von 20 bis 80 Grad ab. Alternativ lässt sich das Display über eine VESA-Aufnahme an einen Monitorarm hängen.
Einrichtung und Kompatibilität
Am Rechner ist das Kamvas 22 (Gen 3) schnell betriebsbereit. Den Huion-Treiber installieren wir auf dem Desktop-PC und auf dem Notebook, beide Male ohne Stolperstein. Nach dem Verkabeln meldet sich das Display als zweiter Monitor, den Rest erledigt der Treiber. Dass HDMI und USB-C beide zur Verfügung stehen, gefällt uns: So passt das Gerät auch an unterschiedlich ausgestattete Rechner. Anleitung und Hinweise im Treiber führen ordentlich durch die Einrichtung, ohne dabei zu glänzen.
Bei den Programmen gibt es im Test nichts zu beanstanden. Beide Zeichenanwendungen erkennen den Stift samt Druckstufen sofort, Sonderwege oder Zusatzeinstellungen sind nicht nötig. Huion nennt darüber hinaus Windows ab Version 7, macOS ab Version 10.12 und Android-Geräte mit USB 3.1 und DisplayPort 1.2 als kompatibel.
Stromversorgung und stationärer Betrieb
Das Kamvas 22 (Gen 3) ist ein reines Stift-Display ohne eigenes Betriebssystem. Ohne angeschlossenen Rechner bleibt der Bildschirm dunkel. Einen Akku gibt es ebenfalls nicht, das Gerät hängt dauerhaft am Netz und braucht neben dem Bildsignal immer auch eine Steckdose.
Am festen Arbeitsplatz stört das wenig. Das mitgelieferte Kabel misst knapp 2,5 Meter und lässt genug Spielraum am Arbeitsplatz. Soll das Gerät den Platz wechseln, wird es dagegen unhandlich: 3,6 Kilogramm und die nötige Verkabelung sprechen gegen den Transport, und wer zwischen mehreren Arbeitsplätzen pendelt, schließt jedes Mal neu an. Mobiles Arbeiten scheidet damit aus, und genau hier wünschen wir uns am ehesten eine Weiterentwicklung.
Bedienung und Ergonomie
Die 3 Seitentasten am Stift lassen sich im Treiber ohne Umwege belegen, und die Zuordnung sitzt auf Anhieb. Weil das Gehäuse darüber hinaus keine Tasten bietet, laufen alle weiteren Kürzel über die Tastatur oder die Treiberoberfläche. Das klappt, kostet gegenüber Geräten mit eigenen Express-Keys aber Handgriffe.
Die Handauflage bereitet keine Probleme. Da dem Display die Touch-Ebene fehlt, gibt es beim Aufsetzen der Hand nichts zu unterdrücken, und Fehleingaben durch den Handballen bleiben im gesamten Test aus. Der mitgelieferte Zweifingerhandschuh hält die Hand zusätzlich auf Abstand zur Glasoberfläche und verhindert Schlieren.
Genau diese fehlende Touch-Eingabe ist im Alltag allerdings die spürbarste Einschränkung. Zoomen und Drehen der Leinwand laufen ausschließlich über Tastatur oder Stifttasten, die schnelle Zweifingergeste entfällt. Beim Zeichnen, wo der Blick ständig zwischen Übersicht und Detail wechselt, fällt das auf.
Über längere Sitzungen arbeitet es sich angenehm am Gerät. Dazu trägt der Standfuß bei: Er ist unkompliziert zu verstellen, und die passende Neigung finden wir schnell.
Zeichnen und Linienführung
Der Stift setzt exakt dort an, wo die Spitze das Glas berührt, und die Linie folgt unmittelbar. Eine Verzögerung zwischen Bewegung und Strich nehmen wir auch bei schnellen Zügen nicht wahr. Weil der Bildschirm vollflächig laminiert ist, fällt der Versatz zwischen Spitze und Strich gering aus, und der Eindruck, direkt auf der Fläche zu arbeiten, hält den ganzen Test über.
Auch an den Rändern lässt die Genauigkeit nicht nach. Position und Druckverlauf verhalten sich bis in die Ecken gleichmäßig, ein Nachziehen oder Verspringen des Cursors sehen wir nicht. Die Oberfläche findet dabei einen guten Mittelweg: Sie bietet genug Widerstand für ein papierähnliches Gefühl, ohne die Spitze auszubremsen.
Nicht ganz auf diesem Niveau bewegt sich die Dosierbarkeit. Der Stift reagiert fein genug, um Linienstärken und Schattierungen gezielt zu dosieren, und die Neigungserkennung arbeitet verlässlich. An das sehr genaue Positionsverhalten reicht die Dosierbarkeit im Test aber nicht ganz heran.
Schreiben, Notizen und PDF-Anmerkungen
Handschrift gelingt auf der großen Fläche natürlich. Auch zügiges Schreiben setzt der Bildschirm ohne Aussetzer um, die Buchstaben stehen dort, wo wir sie ansetzen. Wer das Gerät neben dem Zeichnen für Mitschriften nutzt, bekommt ein Schreibgefühl, das dem auf Papier nahekommt.
Anmerkungen in PDF-Dokumenten laufen ebenso rund. Markierungen und handschriftliche Kommentare setzen wir direkt im Dokument, ohne dass der Stift nachhinkt. Eine eigene Notizsoftware bringt das Kamvas 22 (Gen 3) allerdings nicht mit. Wie gut sich Notizen verwalten, durchsuchen oder in Text umwandeln lassen, hängt allein am Programm auf dem Rechner. Das hat auch sein Gutes: Alle Dateien entstehen direkt dort, und für die Einrichtung brauchen wir weder ein Herstellerkonto noch einen Cloud-Dienst.
Dauerbetrieb, Reinigung und Folgekosten
Über die gesamte Testdauer arbeitet das Zusammenspiel aus Treiber, Firmware und Programmen zuverlässig. Abstürze, Verbindungsabbrüche oder plötzlich verstellte Einstellungen treten nicht auf, und auch nach längeren Sitzungen lässt die Leistung nicht nach. Auffälligkeiten bei der Wärmeentwicklung notieren wir nicht.
Pflege und Folgekosten halten sich in Grenzen. Fingerabdrücke und Schlieren entfernt das beiliegende Tuch, die Stiftspitzen nutzen sich im Testzeitraum kaum ab, und Ersatz liegt dem Gerät ohnehin bei. Weitere Verbrauchsmaterialien fallen nicht an.
Fazit
Das Kamvas 22 (Gen 3) überzeugt uns im Test vor allem beim Zeichnen selbst. Der batterielose Stift arbeitet präzise, reagiert ohne merkliche Verzögerung und hält seine Genauigkeit bis an den Rand der großen Arbeitsfläche. Ladepausen entfallen damit ganz. Dazu kommen ein hochwertig verarbeitetes Gehäuse, ein leicht verstellbarer Standfuß und eine Glasoberfläche, die den Stift weder ausbremst noch rutschen lässt. Die Einrichtung unter Windows 11 kostet kaum Mühe.
Schwächen leistet sich das Gerät bei der fehlenden Touch-Eingabe, die jeden Zoom auf Tastatur und Stifttasten verlagert, bei der hakeligen Anschlussklappe, beim kunststofflastigen Stift und bei der Bindung an Kabel und Rechner, denn allein arbeitet das Display nicht. Gemessen am aufgerufenen Preis bekommt die Zielgruppe hier trotzdem viel geboten. Wer einen festen Arbeitsplatz für digitale Illustration, Retusche oder Mitschriften einrichtet, macht mit diesem Stift-Display wenig falsch. Wer mobil arbeiten oder mit den Fingern zoomen will, schaut sich besser anderweitig um.
- +Präzise Stifteingabe
- +Keine merkliche Verzögerung
- +Große Arbeitsfläche
- +Hochwertige Verarbeitung
- +Leicht verstellbarer Standfuß
- –Keine Touch-Eingabe
- –Hakelige Anschlussklappe
- –Kunststofflastiger Stift
- –Nicht mobil nutzbar
- –Keine Gehäuse-Shortcuts